• September

    16

    2021
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Talk in der Werkstatt: Bundestagskandidaten stellen sich dem Handwerk

Talk in der Werkstatt: Bundestagskandidaten stellen sich dem Handwerk

Bielefeld. Weniger als zwei Wochen vor der anstehenden Bundestagswahl haben die Bielefelder Direktkandidaten von CDU, FDP, SPD und Bündnis 90/Grüne den Fragen des Bielefelder Handwerks gestellt. Im Handwerksbildungszentrum Brackwede nahmen sich Angelika Westerwelle, Jan Maik Schlifter, Wiebke Esdar und Britta Haßelmann viel Zeit.

Kreishandwerksmeister Frank Wulfmeyer

Kreishandwerksmeister Frank Wulfmeyer begrüßte die Kandidaten und Zuhörer: „Innerhalb der Stadt Bielefeld und auch innerhalb Ostwestfalen-Lippe ist das Handwerk eine starke wirtschaftliche Größe und die Basis für einen funktionierenden Arbeitsmarkt. So vertreten wir in Bielefeld rund 3.000 handwerks- und handwerksähnliche Betriebe mit mehr als 20.000 Beschäftigen und rund 2.200 Auszubildenden. Die Kreishandwerkerschaft Bielefeld ist der Arbeitgeberverband des örtlichen Handwerks, dem insgesamt 33 Innungen angeschlossen sind.

Nach wie vor wird etwas mehr als ein Viertel aller Auszubildenden im Handwerk ausgebildet. Das Handwerk weiß also um seine Verantwortung, benötigt aber auch dringend – das wollen wir betonen – Fachkräfte für die Zukunftsaufgaben. Das Bielefelder Handwerk betreibt mehrere Ausbildungszentren, unter anderem das Handwerksbildungszentrum hier in Brackwede mit den Schwerpunktbereichen Kfz, Bauberufe, Maler, Raumausstatter und Gebäudereiniger und hinzu kommen kleinere Bildungsstätten etwa im Sanitärbereich. Das Handwerk also: die Wirtschaftsmacht von Nebenan! Und trotzdem: Handwerk kommt in den Parteiprogrammen kaum vor! Ist das nicht erstaunlich?

Gemeinsam mit Hauptgeschäftsführer Jürgen Sautmann und dem stellvertretenden Kreishandwerksmeister Martin Lang konfrontierte Wulfmeyer die Kandidaten mit Fragen zu den Themen Verkehr, Bürokratie, Steuern, Arbeitsrecht, Klimaschutz, Digitalisierung und Fachkräftesicherung. Schnell offenbarten sich dabei die Unterschiede der Kandidaten, ihrer Parteien und Programmen.

Britta Haßelmann (Grüne) warf CDU und SPD vor, in den vergangenen Jahren den Breitbandausbau versäumt zu haben. Wiebke Esdar (SPD) machte dafür den Markt verantwortlich. Jan Maik Schlifter attestierte vor allem ein politisches Missmanagement dabei. Angelika Westerwelle (CDU) erläuterte das Vorhaben ihrer Partei, bis 2025 flächendeckend den Ausbau voranzutreiben.

Wenn es um Energie und deren Nutzung in der Zukunft geht, haben die Kandidaten teils Gemeinsamkeiten. Erneuerbare Energien wollen alle ausbauen. CDU und FDP setzen dabei auch auf Emissionshandel, die Grünen auf ein sogenanntes Energiegeld. Die FDP will zudem aus der EEG-Umlage aussteigen.

Deutliche Differenzen auch beim Thema Verkehr: Nach „Verboten als Konzept“ fragte Wulfmeyer die Kandidaten. „Kann das Vorgehen in Bielefeld Vorbild Bundesweit sein? Wo bleibt das Handwerk mit seinen Servicefahrzeugen in den Innenstädten? Stehen die Servicewagen nur noch im Stau? Gibt es Halte- und Parkplätze für Servicefahrzeuge?“ Wenn es nach Haßelmann (Grüne) geht, müsse das sein – „egal, ob es die Freiheit der Bürger einschränkt.“ Die Verkehrswende sei Teil der Klimaschutzstrategie. „Ich sehe, dass das für Sie eine Strapaze darstellt.“ Westerwelle (CDU) betonte die Bedeutung von alternativen Antrieben, „technologieoffen und sozial verträglich“ müsse es gehen. Esdar (SPD) erklärte, dass es mit anderen Antrieben nicht getan sei. Sie spricht von Wasserstoff-Tankstellen und befürwortet ausdrücklich den Verkehrsversuch in der Bielefelder Altstadt. „Wir werden als Verzichtsweltmeister kein Vorbild für andere Länder sein“, betonte Schlifter. Stattdessen müssten Alternativ-Angebote ausgebaut und Wohlstand durch Innovationen gesichert werden.

Keine Steuererhöhungen von CDU und FDP. Auch eine Vermögenssteuer lehnen die Bielefelder Kandidaten beider Parteien ab. SPD und Grüne indes befürworten eine solche. Einig indes waren sich die Kandidaten darin, dass die Gleichwertigkeit hergestellt werden muss, wenn es um die Anerkennung von akademischen Bildungswegen und handwerklichen Berufslaufbahnen geht. „Die Überakademisierung der vergangenen Jahre ist falsch“, sagte Angelika Westerwelle. Bei der Förderung müsse sich der Staat zurücknehmen, sagt Jan Maik Schlifter. Vielmehr müsse es auch für handwerkliche Berufe eine Begabtenförderung durch Stipendien geben, wie das auch schon im Hochschulbereich funktioniert.