• August

    13

    2020
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Bielefelder Handwerk in Corona-Zeit

Bielefelder Handwerk in Corona-Zeit

Bielefeld. Die wirtschaftliche Situation des Bielefelder Handwerks war zu Jahresbeginn sehr gut. Nach dem erfolgreichen ersten Quartal folgte dann aber bedingt durch die Corona-Maßnahmen in vielen Bereichen der Absturz. Das folgende Quartal war geprägt von Umsatzrückgängen und Auftragsstornierungen, von denen alle Handwerksbereiche betroffen waren, allerdings in unterschiedlicher Stärke. Über die Details hat die Kreishandwerkerschaft jetzt bei einer Pressekonferenz informiert.

 „Eins vorweg: Ich bin stolz auf unsere Mitgliedsbetriebe, auf die Betriebsinhaber und Mitarbeiter, wie verantwortungsvoll sie mit der Situation der letzten Monate umgegangen sind“, sagte Kreishhandwerksmeister Frank Wulfmeyer. „Der Konjunkturcrash hat allerdings einige Handwerke voll erwischt.“

Während das Bau- und Ausbauhandwerk insgesamt bei ordentlicher Auslastung weiterarbeiten konnte, hatten der Kfz-Handel, die Nahrungsmittelhandwerke, das Friseurhandwerk, das Ge- bäudereinigerhandwerk und auch die Gesundheitshandwerke erhebliche Verluste zu verkraften – bis hin zur Schließung der Betriebe. Im Durchschnitt des Gesamthandwerks waren fast 77 Prozent der Betriebe von unterschiedlich starken Umsatzrückgängen betroffen, der durchschnittliche Umsatzrückgang betrug 53 Prozent.

„Erfreulich war daher aus unserer Sicht, das Rat und Verwaltung unserem Apell gefolgt sind, Steuern und Gebühren der Betriebe zu stunden und auch darüber hinaus für Erleichterungen zu sorgen“, sagte Hauptgeschäftsführer Jürgen Sautmann. Heute hat sich die Auftragssituation wieder etwas normalisiert, aber noch nicht den Stand von Februar/März erreicht. Wulfmeyer: „Der zum Teil starke Ausfall der vergangenen Monate lässt sich in einigen Handwerken nicht nachholen. Gleichwohl hat das Handwerk insgesamt die Situation im Vergleich zu anderen Branchen bisher gut durchgestanden.“

„Bis heute verzeichnen wir keine Konkurse und auch die Entlassung von Mitarbeitern aus wirtschaftlichen Gründen ist kein größeres Thema“, kann der frisch gewählte stellvertretender Kreishandwerksmeister Martin Lang berichten.  Von dem Mittel der Kurzarbeit wurde aber umfassend Gebrauch gemacht.  „Letztlich sind wir bis heute ein stabilisierender Faktor des Bielefelder Arbeitsmarktes.“

Besorgt ist die Kreishandwerkerschaft im Hinblick auf die nächxten Monate. Viel hängt davon ab, ob die übrige Wirtschaft wieder anspringt, ob Kaufkraft bei den Kunden erhalten bleibt. „Das Handwerk ist in Krisenzeiten oft als Letzter betroffen, zumeist deutlich später als die übrige Wirtschaft. Wir hoffen, dass diese Situation aber nicht eintreten wird“, sagte Sautmann. Vor diesem Hintergrund begrüßt die Kreishandwerkerschaft die von der Stadt heraufgesetzten Grenzen für „freie Vergaben“ und auch „beschränkte Ausschreibungen“ bei der Vergabe von Bau- und Ausbauleistungen. „Die Stadt muss gerade in den nächsten Monaten alle Möglichkeiten nutzen, um anders als in der Vergangenheit das Bielefelder Handwerk noch stärker bei der Vergabe von Aufträ- gen mit einzubeziehen. Hier gab es in der Vergangenheit immer wieder Kritik unserer Mitglieder“, sagte Lang.

Starker Kritikpunkt seitens der Kfz-Betriebe war in den vergangenen Wochen die Tätigkeit des Straßenverkehrsamtes. „Eine Wartezeit von mehreren Wochen bei der Anmeldung von Fahrzeugen ist nicht länger hinnehmbar, dass ist schon geschäftsschädigend und bringt viele Händler in Not“, sagte Jürgen Sautmann.  Insofern sei die Kreishandwerkerschaft froh über die Zusage seitens der Stadt, Verbesserungen zu schaffen. Wulfmeyer: „Die Zusage muss aber auch eingehalten werden. Aus unserer Sicht ist eine bessere personelle Ausstattung dringend notwendig. Noch wichtiger ist aber, die Digitalisierung des Verfahrens und damit auch die Onli- ne-Anmeldung. Letzteres gilt auch für weitere Arbeitsbereiche der Verwaltung.“

Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Bereich der Kreishandwerkerschaft Bielefeld gibt im Vergleich zu anderen Regionen und Wirtschaftsbereichen zu vorsichtigem Optimismus Anlass.„Insgesamt haben wir zum 1. August zwar einen Rückstand bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen im Vergleich zum Vorjahr. Mit einem Minus von 2,2 Prouzent fällt diese aber gering aus. Auch der Rückgang in der Stadt Bielefeld minus 6,2 Prozent kann in den nächsten Wochen noch wettgemacht werden.“ Besonders deutlich sei der derzeitige Rückgang im Friseurhandwerk, Gebäudereinigerhandwerk oder auch beim Automobilkaufmann. Erfahrungsgemäß kommen viele Verträge aber sehr spät zustande, so dass wir mit dem Ende der Ferien noch viele Vertragsabschlüsse erwarten.

Mit einer gesonderten Vermittlungsaktion will die Kreishandwerkerschaft Betriebe und Ausbildungsplatzsuchende unterstützen. Beide können sich wenden in der Kreishandwerkerschaft an
A. Schenk (Tel. 0521/58009-43 oder schenk@kh-bielefeld.de). Kreishandwerksmeister Wulfmeyer: „Auf diesem Wege hoffen wir, noch viele junge Leute zu gewinnen, um einen Fachkräfte- mangel zu verhindern. Ansprechen wollen wir auch diejenigen jungen Leute, die sich nach den Schwierigkeiten der letzten Monate zunächst beim Berufskolleg angemeldet haben. Wir wollen Jugendlichen Mut machen und sie er- muntern: Ergreift die Chance und startet eine berufliche Ausbil- dung! Die Berufs- und Karriereperspektiven bieten eine gute und sichere Zukunft.“

Äußerst kritisch sieht die Kreishandwerkerschaft die Verkehrspolitik in Bielefeld. Das Bielefelder Handwerk befürchtet in den nächsten Jahren speziell für den Wirtschaftsverkehr und damit für die Liefer- und Servicefahrzeuge wieder große Probleme durch erhebliche Stauzeiten, die zu einer Kostenbelastung der Betriebe werden. Verschiedene, geplante Restriktionen sollen das Autofahren of- fenkundig erschweren, etwa Tempo-30-Zonen und Verengung der Fahrspuren auf Ausfallstraßen (Fahrrad-Boulevard), Sperrung der Zufahrt in Teile der Innenstadt usw. Hinzu kommen die fehlenden Durchfahrtsmöglichkeiten am Jahnplatz und Rück- staus an den Auffahrten zum Ostwestfalen-Damm. Wulfmeyer: „Die zu erwartenden Staus erschweren die Arbeit unserer Handwerksbetriebe und verteuern diese! Ein wirkliches Konzept ist in Bielefeld nicht zu erkennen.“
Auch die eingeleitete Reduzierung der Parkplätze im Innenstadt- bereich führt dazu, dass Betriebe keine Halte- und Parkmöglichkeiten mehr finden. Zumindest geht das Handwerk davon aus, dass sich die Kosten durch eine Gebührenanhebung weiter er- höhen werden. Dieses ist aus der Sicht der Kreishandwerkerschaft nicht tragbar.